Alphabet stößt Apple vom Thron

02.02.2016, 12:15

Paradigmenwechsel?

Alphabet hat erstmals Zahlen veröffentlicht – und damit alle Erwartungen von Analysten übertroffen. Der Google-Mutterkonzern ist nun das Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert der Welt – und stößt Apple vom Thron.

Gründer Larry Page kann sich über saftige Gewinne freuen

(Quelle: Google)

Vier Monate nach seiner Gründung hat Googles Mutterkonzern Alphabet seine Quartalszahlen veröffentlicht. Die Holding erzielte einen Umsatz von 21,3 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn je Aktie von 8,7 US-Dollar. Der Konzernumsatz konnte damit um 18 Prozent zulegen.

Die Gewinnsteigerung kam überraschend deutlich und übertraf die Erwartungen von Finanz-Analysten. Experten hatten mit einem Umsatz von 20,8 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von 8,1 US-Dollar pro Aktie gerechnet.

YouTube, Mobile, Programmatic

Verantwortlich für das starke Umsatzwachstum im letzten Quartal 2015 ist besonders Mobile sowie Programmatic Advertising und YouTube, so CFO Ruth Porat. Und, dass man frühzeitig in diese Bereiche investiert hatte. Auch neue Zahlen von Google-Bereichen wurden veröffentlicht: So vermeldete das Unternehmen, dass Gmail jetzt eine Milliarde aktive Nutzer hat.

Larry Pages „Moon Shots“ wie selbstfahrende Autos und mit mobilem Internet ausgestattete Drohnen erzielten allerdings einen Verlust von 1,2 Milliarden US-Dollar allein im Schlussquartal. Über das ganze Jahr gerechnet war der Betriebsverlust in diesem Bereich bei 3,6 Milliarden US-Dollar. Trotzdem überzeugten der Gewinn und die deutliche Umsatzsteigerung im Kerngeschäft mit Software und Werbung die Anleger und sorgten dafür, dass die Alphabet-Aktie nachbörslich stark zulegen konnte.

Software löst Hardware ab

Mit diesem Ergebnis hat Alphabet nicht nur alle Erwartungen übertroffen, sondern auch Apple als Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert abgelöst. Alphabet ist nun 558 Milliarden US-Dollar wert. Der iPhone-Konzern ist nach einem schlechten Börsenjahr „nur“ noch 535 Milliarden US-Dollar wert. Anfang des letzten Jahres lag Apples Börsenwert noch bei 760 Milliarden US-Dollar. Das liegt auch an den stagnierenden Absatzzahlen des wichtigsten Gewinnbringers iPhone. Außerdem geht der Absatz mit iPads und Macs zurück.

Die Entwicklung unterstreicht die zunehmende Bedeutung von Daten für die Wirtschaft. Mit Werbung, Cloud-Diensten und mobilem Betriebssystem lässt sich mittlerweile mehr verdienen als mit der Herstellung von Computern, Smartphones und Tablets.

Damit überholt Software-Hersteller Alphabet den Hardware-Hersteller Apple. Und ist der erste teuerste Konzern der Welt in der Börsengeschichte, der sein Kerngeschäft nicht mit haptischen Produkten macht – vielleicht ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaft.

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Amazon startet Dash Replenishment

20.01.2016, 12:27

Selbstbestellende Geräte

Amazon hat seinen „Dash Replenishment Service“ gestartet. Zu den ersten Geräten gehören Drucker von Brother, die automatisch Tinte bei Amazon nachbestellen, sobald diese leerer wird.

Amazon startet Dash Replenishment

(Quelle: shutterstock.com/Ken Wolter)

Einen weiteren Schritt zur vollständigen Automatisierung des Lebens hat Amazon gestern getan: In den USA launchte der E-Commerce-Primus seinen „Dash Replenishment Service“ mit Brother-Druckern. Mit Dash Replenishment können Connected Devices automatisch Artikel des täglichen Bedarfs bei Amazon nachbestellen, wenn diese zur Neige gehen.

Ein Hundenapf, der erkennt, wenn Bellos Futter aus ist, eine Waschmaschine, die merkt, wenn das Waschpulver ausgeht, ein Drucker, der Tinte automatisch ordert: Was sich für einige noch wie Science Fiction anhört, ist längst Wirklichkeit geworden. Mit dem Start von Amazons Dash Replenishment zieht das Internet of Things in immer weitere Lebensbereiche ein.

Service startet mit Brother, Ende Januar folgen weitere Devices

Aktuell können Kunden den Dienst mit ausgewählten Druckern von Brother nutzen. Bis zum Ende des Monats soll er ebenfalls für eine Waschmaschine von General Electric und für ein smartes Blutzucker-Messgerät von Gmate zur Verfügung stehen. Kunden, die bereits ein Dash Replenishment fähiges Gerät besitzen, können sich für den Service über die Website des Herstellers registrieren, so Amazon.

Neu ist es nicht, dass Drucker Tinte automatisch nachbestellen. HP hat mit „Instant Ink“ zum Beispiel seinen eigenen Auffüllservice. Brother-Drucker bestellen allerdings nicht direkt beim Hersteller, sondern bei Amazon.

Jedes smarte Device kann Dash Replenishment nutzen

Grundsätzlich könne jedes smarte Device, also jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, Amazons Service nutzen. Und der Pool der Marken, die das wohl bald tun werden, wird immer größer. Die neuen Mitglieder Purrell und Whirlpool befinden sich in Gesellschaft von Marken wie Samsung, Brita, Petnet, Clever Pet, Sutro und Seal Air.

Außerdem ist die Beta-Phase für die API, über die jeder Hersteller seine smarten Geräte mit dem Dash Replenishment Service verbinden kann, nun vorbei. Die Schnittstelle steht jetzt allen Herstellern zur Verfügung. Geräte können entweder direkt oder über einen Proxy-Server mit dem Service verbunden werden.

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Hersteller dürfen Verkauf auf Online-Marktplätzen verbieten

12.01.2016, 13:09

Gerichtsurteil

In welchen Fällen darf ein Marken-Hersteller den Verkauf seiner Produkte auf Portalen wie Amazon oder eBay untersagen? Mit einem solchen Fall befasste sich das Oberlandesgericht Frankfurt.

Hersteller dürfen Verkauf auf Online-Marktplätzen verbieten

(Quelle: Fotolia.com/fotogestoeber)

Amazon, eBay und Co: Online-Marktplätze sind zum Verkauf von Produkten sehr beliebt. Aber was passiert, wenn ein Marken-Hersteller mit dem Verkäufer seiner Produkte darauf nicht einverstanden ist und sein Image bedroht sieht?

Ein solcher Fall ist vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt verhandelt worden. Der Rucksackhersteller Deuter reichte Klage in Bezug auf den Vertrieb seiner Produkte über den Online-Marktplatz Amazon ein. Deuter sah sein „Premium-Image“ beim Vertrieb über Amazon in Gefahr.

Das Gericht stimmte dem Rucksackhersteller zu, dass dieser ein berechtigtes Interesse daran habe, eine qualitativ hochwertige Beratung über seine Rucksäcke zu gewährleisten. Aus diesem Grund darf Deuter den Vertrieb seiner Waren über Online-Marktplätze wie Amazon oder eBay verbieten, berichtet die Süddeutsche Zeitung in ihrer Print-Ausgabe.

Produkte auf Preisvergleichsportalen

In einem weiteren Schritt wollte der Rucksackhersteller zudem die Präsenz seiner Artikel auf Preisvergleichsportalen untersagen. Doch dieser Klage gab das Frankfurter Oberlandesgericht nicht statt. Allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Der aktuelle Urteilsspruch ist in vielerlei Hinsicht interessant, vor allem, weil in der Vergangenheit Gerichte oft die Wettbewerbsfreiheit höher beurteilten als das einzelne Interesse eines Händlers.

Mit Fragen zum Thema Wettbewerbsrecht befasste sich kürzlich auch das Kammergericht Berlin. Zur Debatte stand die Frage, inwieweit das World Wide Web auch die weltweite Anwendbarkeit des deutschen Wettbewerbsrechts bedeutet und welche Rolle bei der Geltendmachung von wettbewerbsrechtlichen Ansprüchen Wirtschafts- und Branchenverbände spielen.

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Snapchat arbeitet an offener API für Werbepartner

05.01.2016, 12:08

Angriff auf Facebook, Instagram und Co

Snapchat erlebte 2015 seinen großen Durchbruch. Jetzt verstärkt der Messaging-Dienst seine Bemühungen im Digital Business. Eine offene Schnittstelle (API) soll Partnern den Werbeeinkauf erleichtern.

Snapchat: Shooting-Star 2015

(Quelle: Shutterstock.com/Gil C)

Nach Instagram erlebte im vergangenen Jahr Snapchat den großen Durchbruch. Marken und Unternehmen soll das Werbepotenzial der Foto-und Videoapp locken. 2016 will die Messenger-App nun vor allem ihre Reichweite vergrößern und den Anzeigen- und E-Commerce-Bereich weiter ausbauen. Dazu soll Snapchat nun an einem Application Programming Interface (API) arbeiten, einer Schnittstelle für die Programmierung von Anwendungen.

Konkret geht es dabei um den Aufbau einer Adtech-Plattform. Die offene API soll es Snapchat-Partnern ermöglichen, das Anzeigengeschäft einfacher, schneller und professioneller abzuwickeln, berichtet digiday.com. So sind künftig mehr Anzeigentypen möglich, auch welche mit einem Call-to-Action, wie etwa dem Aufruf eine App zu installieren oder Produkte zu kaufen. Solche direct-response-Formate sind vor allem für das mobile Geschäft unerlässlich.

„Der Grund, warum APIs in den vergangenen drei Jahren so populär geworden sind, ist der Erfolg von Facebooks API“, erklärt Ben Tregoe, Senio Vice President Business Development bei der Adtech-Firma Nanigans. Das dürfte auch hinter Snapchats Bemühungen stecken: Instagram etwa, das auf Facebooks Technologie aufsetzt, startete seine API im vergangenen Jahr mit 41 Partnern, darunter Kenshoo, SocialCode, Nanigans, Adaptly, Adobe, Ampush, Salesforce und Sprinklr.

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#heimkommen: So muss sich ein Onlineshop anfühlen

23.12.2015, 13:05

Content Marketing

Der Spot #heimkommen von Edeka ist ein stark diskutiertes Beispiel für Content Marketing. Was zeichnet eigentlich hochwertigen Content aus? Und welche Möglichkeiten gibt es, Kunden durch Inhalte zu erreichen?

Kontroverser Spot #heimkommen von Edeka

(Quelle: Youtube/Edeka)

„Herzzerreißend“ und „zynisch“, „berührend“ und „banal“, „genial“ und „geschmacklos“: Mit dem unter dem Schlagwort #heimkommen bekannten Werbespot hat es die Handelskette Edeka wieder einmal geschafft, in aller Munde zu sein. In weniger als einer Woche hatte der Werbespot mit dem einsamen Opa, der seine Kinder an Weihnachten endlich wieder beisammen haben will und ihnen deswegen seine eigene Todesanzeige schickt, 26 Millionen Aufrufe. Dazu eine wilde Debatte in den Medien: „Umstrittener Edeka-Spot: Extrem unrealistisch, dennoch ein Lehrstück“, schreibt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung. „Deutsche brauchen für Gefühle den Vorschlaghammer“, konstatiert die Welt. „Edeka-Werbespot: Einsamer Opa rührt zu Tränen“, heißt es in der Stuttgarter Zeitung.“Heimkommen: Warum berührt uns der Edeka-Spot so sehr?“ fragt der Stern. Und die Bild: „Diese Werbung spaltet Deutschland: Edeka! Was haben Sie sich dabei gedacht?“.

Was sich Edeka, beziehungsweise die verantwortliche Werbeagentur bei dieser Werbung gedacht hat? Genau das: Deutschland spalten, eine Diskussion entfachen. Man kann von dem Werbespot persönlich halten, was man will. Den gewollten Effekt hat er erzielt: Obwohl es in dem Spot eigentlich überhaupt nicht um Edeka geht, redet das ganze Land über die Handelskette – übrigens nicht das erste Mal, dass dem blau-gelben Lebensmittelhändler ein Coup gelungen ist. Bereits 2014 erreichte das Video „Supergeil“ von Der Tourist featuring Friedrich Liechtenstein auf der Videoplattform Youtube ebenfalls siebenstellige Aufrufzahlen. Was steckt dahinter?

Content Marketing stellt Kunden ins Zentrum

Da Konsumenten klassische Marketing-Aktivitäten immer häufiger ignorieren, gehen erfolgreiche Händler und Produzenten neue Wege: Content Marketing konfrontiert die Zielgruppe nicht direkt mit Werbebotschaften, sondern versucht sie stattdessen mit Informationen und unterhaltenden Inhalten abzuholen. Natürlich hat nicht jeder Händler und Produzent einen Werbeetat, der mit dem von Edeka vergleichbar ist. Doch den braucht es auch nicht, um Kunden durch spannende, lustige oder informative Geschichten einen einzigartigen Mehrwert zu bieten und sich vom Wettbewerb zu differenzieren.

Im Prinzip ist Content Marketing nichts Neues. Gute Verkäufer gehen ähnlich vor: Sie geben Kunden nicht das Gefühl, sie unter allen Umständen in ihren Laden zu ziehen und ihnen irgendetwas andrehen zu wollen. Sie scherzen mit ihnen, erzählen Neuigkeiten, unterhalten sie und geben ihnen ein gutes Gefühl. Irgendwann kommt die Frage: „Wie kann ich ihnen helfen?“.

Paradigmenwechsel vom reinen Traffic-Einkauf hin zur Kommunikation

Auch im Internet sucht der Kunde nach Informationen, Unterhaltung und kompetenter Beratung. Er sucht nach Inhalten, die ihm einen konkreten Nutzen bringen beziehungsweise ihm dabei helfen, eine (Kauf-) Entscheidung zu fällen oder ein Problem zu lösen. An dieser Stelle setzt Content Marketing an.
In ihrem Buch „Think Content!“ erklärt Miriam Löffler: „Im Content-Marketing geht es darum, einen Paradigmenwechsel vom reinen Traffic-Einkauf hin zur erfolgreichen Kommunikation und Interaktion mit dem User über hochwertige Inhalte erfolgreich zu vollziehen. Ziel ist es, Kunden anzuziehen, zu begeistern und zum Handeln zu animieren – mit Hilfe von Content, der exakt auf die Bedürfnisse einer zuvor definierten Zielgruppe zugeschnitten ist“.

Wie Händler und Produzenten ihre Zielgruppen erreichen, beschreibt David Meerman Scott in seinem Buch „Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Web 2.0“: „Was funktioniert, ist die Konzentration auf Kunden und deren Probleme; was scheitert, ist die egozentrische Zurschaustellung Ihrer Produkte und Dienstleistungen.“ Und weiter: „Content macht aus beiläufigen Besuchern Kunden. Es spielt keine Rolle, ob sie hochwertige Lagerschränke für Wein oder eine neue Musik-CD verkaufen oder ob sie dafür kämpfen, die Nutzung von Sonar im Meer einzuschränken, um Schaden von den Walen abzuwenden. Web-Content verkauft alle möglichen Produkte und Dienstleistungen und propagiert jede Art von Philosophie und Image.“

Doch welche Möglichkeiten haben Händler und Produzenten, um ihre Kunden durch Content zu erreichen? Und was zeichnet hochwertigen Content aus?

Von produktzentriert zu kundenzentriert

Das Ziel von Content Marketing ist es nicht, potentielle Kunden über eine werbliche Aussage, sondern anhand von Geschichten, die um ein Produkt oder eine Marke gestrickt werden, zum Angebot zu leiten. Möglichkeiten, diese Geschichten zu erzählen, gibt es viele. Ob Unternehmen ihre potentiellen Kunden am besten durch Blogs, Artikel, Podcasts, Whitepaper, Videos, E-Books, ein eigenes Online-Magazin oder beispielsweise Webinare am besten erreichen, hängt vom jeweiligen Zielpublikum ab. Dabei ist die Frage in der Regel weniger entweder oder, sondern welche Mischung macht Sinn?

Damit die Geschichten eine langfristige Bindung zwischen Unternehmen und Kunden fördern, müssen sie authentisch, spannend und relevant sein. Zudem stellt sich die Frage: mit welchen Konflikten sehen sich Kunden während des Kaufprozesses konfrontiert? Benötigen die Kunden Aufklärung über den Produktnutzen? Die Bestätigung, dass ein Angebot genau zum Lifestyle-Denken des jeweiligen Kunden passt? Oder auch eine Erklärung, wie sich der Preis eines bestimmten Produkts zusammensetzt und warum dieser schwankt?

Viele Wege führen nach Rom – aber originell müssen sie sein

Schon diese Fragen zeigen: Für Content Marketing gibt es kein Patentrezept – viele Wege führen nach Rom. Onlineshops mit gutem Content sind originell, authentisch und bieten Kunden einen Mehrwert. Die Folge: Kunden kommen in den Onlineshop, fühlen sich gut beraten, unterhalten und sozusagen „daheim“.

Wie wichtig es ist, Content selbst zu erzeugen und nicht zu versuchen als Trittbrettfahrer von der Idee anderer zu profitieren, erfährt gerade die Deutsche Bahn. Diese hat auf einem bei Facebook geposteten Bild den einsamen Edeka-Opa gekapert und in ein Bordrestaurant gesetzt. Auf dem Bild sieht man den alten Mann, vor sich einen Teller mit Essen, kein anderer Mensch weit und breit. Daneben der Text: „Lieber Opa, warte nicht bis sie zu Dir kommen“ und darunter die Zusatzinformation: „Sehnsucht nach der Familie? #heimkommen gibt’s bei uns schon ab 19 Euro.“

Dazu schreibt Christian Meier in der Welt: „Mal davon abgesehen, dass im Satz ein Komma fehlt und das Foto aus dem Edeka-Clip mehr schlecht als recht aus dem Film geschnitten wurde, kommt die Aktion nach dem Prinzip ’schnell und schmutzig‘ an“.

Auch die Kommentare sind nicht unbedingt positiv: „Guten Morgen DB, leider gibt es keine preiswerten Bahnfahrten mehr zurück. Muss ich jetzt für immer bei meiner Familie bleiben?“ scherzt eine Userin. „Ich fahre lieber mit dem Fernbus“, kommentiert der Nächste. Und ein Dritter äußert den nicht unberechtigten Einwand: „Gibt es für die Nutzung des Bildes eigentlich die Erlaubnis der Marketingagentur? Das ist ja eine Frechheit das so weiterzuverwenden“.

Edeka wird wohl kaum gegen den geklauten Content vorgehen. Eher lacht sich der Lebensmittelhändler ins Fäustchen. Immerhin bleibt er landauf landab Gesprächsthema – und an dieser Stelle ausschließlich positiv. Schließlich weiß jeder, der das Foto sieht, sofort: Edeka ist das Original, die Deutsche Bahn hingegen nur Nachahmer.

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Rückblick auf 2015: Was für ein Jahr!

22.12.2015, 12:39

Digital-Branche

Amazon testet Drohnen, Axel Springer kämpft gegen Adblocker, Google heißt jetzt Alphabet und Yapital hat es nicht geschafft. Ein Blick zurück auf 365 spannende Tage.

Rückblick auf 2015: Was für ein Jahr!

(Quelle: shutterstock.com/vjom)

Als Arne Bergmann Ende 2014 gefragt wurde, welche Entwicklungen er mit Sorge betrachte, da musste der Managing Director Marketing & Sales bei Axel Springer Marketing Services nicht lang über­legen: „Große Sorgen bereiten uns die ­Adblocker und das dahinterliegende Geschäftsmodell.“ Der Kampf der Publisher gegen die Adblocker war eines der prägenden Themen des Internet-Jahres 2015 – und Axel Springer gehörte zu den energischsten Streitern wider die Werbeverhinderer.

Über weite Strecken sah es so aus, als würden die Publisher den Kampf verlieren. Drei große Medienhäuser klagten 2015 gegen Eyeo – und dreimal sahen die Gerichte keinen Grund, die Software zu verbieten. Begründung der Richter: Schließlich treffe ein mündiger Nutzer mit der Installation eines Adblockers die ­Entscheidung, keine Werbung sehen zu wollen. Axel Springer reagierte – und stattete sein News-Portal Bild.de mit einem Adblocker-Blocker aus.

Wer Bild.de nutzen will, so die Ansage, müsse entweder seinen Werbeblocker ausschalten oder ein Abo abschließen. Das Modell fand Nachahmer. Auch RTL sperrte den Zugang zu seinen Videos, Yahoo zog nach. Schnell rüsteten die Adblocker-Anbieter ihre Produkte so auf, dass sie die Sperren umgehen konnten. Doch dagegen erwirkte Axel Springer im Oktober 2015 wenigstens eine einstweilige Verfügung. Kurz: Der Kampf geht weiter – und er bleibt spannend.

Amazon treibt die Branche ohne Rast vor sich her

Der Angstgegner für Online-Händler hieß auch im abgelaufenen Jahr nicht Eyeo, sondern Amazon. Zunehmend lehrt der Konzern auch die Logistikbranche das Fürchten. Scheinbar völlig unbeeindruckt von häufigen Arbeitskämpfen mit Verdi lieferte der Konzern seine Bestellungen an die Kundschaft aus und setzte Benchmarks bei der Zustellgeschwindigkeit.

Technologisch trieb Amazon die gesamte Branche vor sich her und scheute dabei auch nicht vor spektakulären Ansätzen zurück. Als der Konzern im April 2014 ein Video zeigte, in dem eine Helikopterdrohne ein Paket ­auslieferte, hielt das jeder für einen gelungenen Aprilscherz. Doch Jeff Bezos ist es ernst damit, beständig nervt der Amazon-Chef die US-Luftfahrtbehörde FAA und fordert Ausnahmeregeln, die einen praxisnahen Test von „Prime Air“ erlauben.

Technisch hat sich das fliegende Gerät im Verlauf des Jahres merklich weiterentwickelt: Ein Video vom Oktober 2015 zeigt eine Drohne, die ihre Rotoren nur noch zum Starten und Landen braucht. Dazwischen fliegt sie wie ein Flugzeug. Auch Google experimentiert mit Drohnen, ­sogar die DHL setzt auf unbemannte Posthubschrauber.

Ob all dies in absehbarer Zeit praktisch eingesetzt wird, ist keine technische, sondern eine juristische Frage: In Zeiten zunehmender Terrorangst sind fliegende Geräte in den Städten, die etwas abwerfen können, nicht jedem geheuer. Doch auch ganz irdisch, mit Lieferwagen, setzt Amazon die Konkurrenz unter Druck. Hieß das Logistik-Buzzword 2014 noch Same Day Delivery, so können Prime-Kunden in Manhattan inzwischen ihre ­Bestellungen bereits nach einer Stunde in den Händen halten.

Same Day Delivery auch bald in Deutschland


Mobile Lieferung direkt in den Kofferraum

(Quelle: Amazon/DHL)

Diesen Service plant Amazon auch in Deutschland. Ein entsprechendes Logistikzentrum im Westen von München ist bereits in Betrieb. Zur schnellen Lieferung gehört auch eine schnelle ­Bestellung: In den USA startete Amazon im Sommer mit dem Dash-Button, einem Knopf, der wie eine Türklingel aussieht, aber einem bestimmten Produkt zugeordnet ist. Der Button lässt sich überall aufkleben, etwa an einer Waschmaschine. Geht das Waschpulver aus, reicht ein Knopfdruck, und Nachschub ist unterwegs.

Im April 2015 startete Amazon mit DHL und Audi einen Modellversuch im Großraum München: Fahrer eines entsprechend ausgestatteten Autos können sich ihre Sendungen in den Kofferraum legen lassen. Der DHL-Kurier ortet den Standort des Wagens und öffnet die Heckklappe per Fernzugriff auf die Bordelektronik. Volksnäher erscheinen da Initiativen ­mehrerer Logistikanbieter, die Haustüren und Häuserfronten von Privatwohnungen mit Schließfächern oder anderen Sicherungsmechanismen ausstatten, damit ein tagsüber abgelegtes Paket noch dort ist, wenn der Empfänger am Abend aus dem Büro kommt.


 Google selbstfahrendes Auto

(Quelle: Google)

Selbstfahrende Autos wurden bislang vorwiegend als exzentrisches Bastelprojekt von Firmenmitgründer Sergey Brin gehandelt. Doch was Google im Mai 2015 zeigte, beflügelte die Fantasien im Silicon Valley: ein Auto, das so selbstständig fährt, dass es weder Lenkrad noch Pedale braucht. Es könnte Personen von A nach B bringen – und natürlich auch Bestellungen ausliefern. Es muss nur noch jemand die Pakete aus dem Auto holen, doch Google besitzt ­inzwischen mehrere Roboterfirmen.

Aus Google wird Alphabet

Wobei das mit dem Besitzen seit dem 10. August 2015 so auch nicht mehr stimmt, denn an diesem Tag gab Google-CEO Larry Page die größte Umstrukturierung seit der Firmengründung im Jahr 1998 bekannt. Aus Google wurde an diesem Tag Alphabet, eine Holding, die sämtliche Aktivitäten des Konzerns kontrolliert. Page übernahm die Leitung von Alphabet und übergab Google an seinen Vertrauten Sundar Pichai. Innerhalb der Alphabet Inc. steht Google jetzt gleichberechtigt ­neben den vielen anderen Unternehmen, die der Konzern in den vergangenen Jahren gekauft hat – auch den Roboterfirmen.

Am Montag, den 24. August, konnte ­Facebook ein denkwürdiges Ereignis vermelden: Erstmals hatte das Social Network mehr als eine Milliarde aktive Nutzer – gleichzeitig an einem Tag. In Deutschland stand die Zuckerberg-Company dagegen heftig in der Kritik: Das Netzwerk entwickle sich immer mehr zur Plattform für fremdenfeindliche, rassistische Kommentare, so der Vorwurf. Facebook versprach nachzubessern. Und auch in puncto Datenschutz stand Facebook quasi permanent am Pranger.

Ein Urteil des Bundes­gerichtshofs vom Oktober bringt US-Unternehmen allgemein in Zugzwang: Das Safe-Harbor-­Abkommen wurde für ungültig erklärt, weil sich das US-Verständnis von Datenschutz mit dem der EU beißt. Derweil nahm Firmenchef Mark Zuckerberg im Dezember die Geburt seiner Tochter Max zum Anlass, eine Stiftung zu gründen, in die er 99 Prozent seines immensen Privatvermögens von 45 Milliarden US-Dollar einbringen will. Echte Wohltätigkeit oder nur ein Steuersparmodell?

Hartes Pflaster Online-Payment

Auf Druck seiner Großaktionäre spaltete sich im Frühjahr Paypal von seiner Mutter Ebay ab – und entwickelt sich immer mehr zum Universaldienst, wenn es ums Bezahlen geht. Die deutsche Finanzbranche übt sich in Rückzugsgefechten und musste 2015 einige Niederlagen einstecken. Die Otto-Gruppe zog im Spätherbst bei ihrem mit großen Ambitionen gestarteten Payment-Dienst Yapital die Reißleine, und zum Jahresende stellt die Telekom-Tochter Clickandbuy ihr Erscheinen ein – einst einer der Pioniere auf dem deutschen Markt. Im Moment ruhen die Hoffnungen der deutschen Banken auf Paydirekt, einer Lösung, die immerhin einen Vorteil hat: Ein Großteil aller deutschen Kreditinsti­tute will mitmachen.

Internet World und Dmexco feiern Rekorde


Rekord auf der Internet World

(Quelle: Internet World Messe)

Die Internet-Wirtschaft sei ein People Business, lautet eine Branchenweisheit, die schwer nach Bullshit Bingo klingt. Doch die Internet World im März und die Dmexco im September zeigten eindrucksvoll, dass persönliche Kontakte durch nichts zu ersetzen sind. Mit einer Rekordbeteiligung von 14.700 Teilnehmern festigte die 19. Internet World in München ihren Ruf als führende E-Commerce-Messe.

Der begleitende Fachkongress sprach mit einem internationalen Panel erstmals auch gezielt englischsprachige Besucher an. Die sechste Auflage der Dmexco im September führte das Messekonzept der Koelnmesse an seine Grenzen: Die Organisatoren wollten die Teilnehmer zwar mit ­gestaffelten Eintrittspreisen zu einer frühzeitigen Registrierung bewegen, am Ende waren aber alle überrascht, als die Zählung über 43.000 Teilnehmer ergab – 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Obwohl die Ausstellungsfläche ebenfalls zugelegt hatte, war die Dmexco 2015 vor allem eins: voll.

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Adblock Plus: Erste Einblicke in das Finanzierungsmodell

17.12.2015, 12:11

Transparentere Preisstruktur

Einer der Vorwürfe, dem sich Adblock Plus stellen muss, ist das intransparente Finanzierungsmodell. Jetzt gibt der Anbieter kleine Einblicke – und erklärt offen, dass Firmen durchaus zur Kasse gebeten werden.

Gibt kleine Einblicke in das Finanzierungsmodell: Till Faida, Mitgründer von Adblock Plus

(Quelle: Eyeo)

Adblock Plus (ABP), bekanntester Werbeunterdrücker, muss sich inzwischen zahlreichen Vorwürfen stellen. Eine der schwerwiegendsten davon: Der Anbieter fahre ein intransparentes und zweifelhaftes Finanzierungsmodell. Besonders im Fokus: Das umstrittene Whitelisting, wonach Unternehmen zur Kasse gebeten werden, damit ihre Anzeigen ausgespielt werden. Nun äußert sich ABP offiziell zum Finanzierungsmodell und gibt kleine Einblicke.

Große Firmen zahlen Lizenzgebühr

Die Kernaussage: „Wir erhalten Spenden von unseren Nutzern aber der Hauptteil der Einnahmen resultiert aus der Acceptable Ads Initiative“, so Eyeo, die Firma hinter Adblock Plus. Bestätigt wird damit nun tatsächlich offen, dass „die größten Konzerne auf der Whitelist eine Lizenzgebühr für den administrativen Aufwand seitens Adblock Plus zahlen“. Für kleine Unternehmen und Webseiten von Privatpersonen – das sind laut Eyeo etwa 90 Prozent – seien die Whitelisting-Leistungen von Adblock Plus vollkommen gratis.

Eine Organisation gilt für Eyeo dann als groß, wenn sie, aufgrund der Teilnahme an der Acceptable Ads Initiative, mehr als zehn Millionen zusätzliche Werbeimpressionen pro Monat verzeichnet. Für diese Organisationen liegen die Lizenzgebühren dann in der Regel bei 30 Prozent der Einnahmen, die in Folge der Freigabe akzeptabler Werbeanzeigen zusätzlich generiert werden.

„Mit erheblichem Aufwand verbunden“

Auf die Frage, wofür das Geld gebraucht wird, antwortet Eyeo, dass sie – anders als „normale“ Werbeblocker – das Ziel hätten, einen Kompromiss zwischen Internetnutzern und den auf Werbung angewiesenen Webseitenbetreibern zu schaffen. „Letztlich soll die Vielfalt im Internet erhalten bleiben. Das kann aber nicht völlig ohne Einkünfte finanziert werden.“

Die mit dem Whitelisting verbundenen Services sind laut ABP mit erheblichem Aufwand verbunden. „Hierzu gehören eine fortlaufende Überprüfung und Kontrolle der einzelnen freigeschalteten Anzeigen sowie der kontinuierlichen Support aller Teilnehmer inklusive deren technischer Unterstützung. Diese Tätigkeiten können nicht vollständig durch Freiwillige erbracht oder durch Spenden gedeckt werden, wie es bei den gebräuchlichen Filterlisten der Fall sein mag.“

Acceptable-Ads-Kriterien

Wie Eyeo betont, sei es aber essentiell, dass die Acceptable-Ads-Kriterien immer eingehalten werden, unabhängig davon, ob in Einzelfällen zusätzliche Lizenzgebühren zu zahlen sind. „Werden die Kriterien nicht erfüllt, ist das Whitelisting nicht möglich“, so ABP.

Diese Kriterien wurden von Eyeo definiert und geben vor, was nutzerfreundliche Online-Werbeformate sind. Aktuell sollen die Kriterien weiterentwickelt werden. Zudem gibt Adblock Plus im kommenden Jahr die Schirmherrschaft über die Acceptable Ads Initiative an ein unabhängiges Gremium ab. Dieses Gremium wird ab Sommer 2016 die Kontrolle über Pflege und Einhaltung der Kriterien übernehmen.

Grundsätzlich bewegt das Thema Adblocker seit einiger Zeit die Branche. Die Goldgräberstimmung im Online-Marketing hat elementare Fehler verursacht – eine Reaktion darauf sind Werbeunterdrücker, meint beispielsweise auch Martin Michel, Geschäftsführer Sky Media. In der Rubrik Expert Insight erklärt er, was ein Weg aus der aktuellen Situation sein könnte.

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Das weibliche Geschlecht und die Digital-Branche

14.12.2015, 12:20

Frauen dringend gesucht

Kaum ein Digital-Event kommt heute ohne eine Panel-Diskussion oder ein Networking-Angebot speziell für Frauen aus. Doch nicht immer ist gut gemeint auch gut gemacht.

Das weibliche Geschlecht und die Digital-Branche

(Quelle: shutterstock.com/maximmmmum)

Women’s Leadership Networking Breakfast, Women Create Tech, Girls’ Lounge – bei Digital-Veranstaltungen gehören Networking-Angebote spe­ziell für Frauen zum guten Ton. Das Ziel: Frauen sichtbarer zu machen und eine Plattform für Kontakte zu schaffen. Klar ist auch: Solange es noch solche spezifischen Angebote gibt oder diese nötig sind, sind Frauen nicht gleichberechtigt in der Branche vertreten. Das spiegelt sich auch bei den Digital-Konferenzen wider. Was die Sichtbarkeit von Frauen auf Veranstaltungsbühnen angeht, muss sich die junge Digital-Branche den Vergleich mit tradi­tionellen Männerdomänen wie dem ­Maschinenbau ­gefallen lassen: Hier wie dort bleiben die Männer lieber unter sich.

Immerhin hat die Internet-Wirtschaft das als Problem erkannt und versucht, ­ihren Veranstaltungen mit speziellen ­Angeboten für Frauen einen Anstrich von Gleichberechtigung zu verpassen. Im Prinzip keine schlechte Sache: Laut Branchenverband Bitkom arbeiten 953.000 Menschen in Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie.

Zu geringer Frauenanteil

Doch der Frauenanteil im Topmanagement lag zuletzt bei vier Prozent, im mittleren Management bei 6,5 Prozent. Unter die IT-Spezialisten mischen sich gerade einmal 15 Prozent Frauen – das heißt, auf sechs männliche IT-Spezialisten kommt eine Frau. Und selbst in der deutlich jüngeren Start-up-Szene sind Frauen als Führungskräfte Mangelware. Nur 13 Prozent der Gründer sind laut Deutschem Startup Monitor (DSM) weiblich. Gleichzeitig fehlen in Deutschland rund 41.000 IT-Spe­zialistinnen und -Spezialisten.

Bisnode Deutschland, Anbieter von Wirtschaftsinformationen, hat in einer gerade veröffentlichten Studie festgestellt, dass die Stellenbesetzung von Frauen im Topmanagement bei Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie stagniert. Eckhard Geulen, bei Bisnode für die Region DACH verantwortlich, sagt: „Die Studie führt deutlich zutage, dass es eine große Diskrepanz ­zwischen der realen Entwicklung und den vielen politischen Debatten gibt.“

Vorbilder sichtbar machen

Die Digital-Branche tut sich keinen Gefallen, wenn sie für junge Frauen nicht ­attraktiv ist. Dazu gehören nicht zuletzt auch Geschlechtsgenossinnen, die in der Branche wahrgenommen werden. „Wir sind zuversichtlich, dass unser Engagement, Vorbilder sichtbar zu machen und die Vernetzung voranzutreiben, langsam Früchte trägt. Deutschland verdient mehr Frauen in Führungspositionen – auch in der Start-up-Szene“, so Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups e.V.

Warum das Engagement in Form von speziellen Frauenangeboten auf Messen und Kongressen häufig misslingt, zeigt manchmal schon die Namensgebung. Die Pressereferentin einer renommierten Digital-Konferenz bringt es auf den Punkt, wenn sie auf die Frage, ob es bei ihrem Event auch etwas Ähnliches wie die bei der letzten dmexco angebotene Girls’ Lounge ­geben werde, antwortet: „Eine Girls’ Lounge haben wir nicht. Unsere Veranstaltung richtet sich nur an Erwachsene.“

Frauen notwendig in der Branche

Angesichts des Fachkräftemangels ist es keine Nettigkeit, sondern eine Notwendigkeit für die Branche, mehr Frauen als Professionals zu gewinnen. Verspielt ­gestylte Lounges und Events, bei denen Nagellack verteilt wird und der thematische Schwerpunkt regelmäßig zwischen „Fashion“ und „Working Mum“ liegt, sind allerdings kaum dazu angetan, Frauen zu zeigen, dass ihre Berufserfahrung und ­ihre langjährige Ausbildung respektiert werden.

Man stelle sich nur einmal die umgekehrte Situation vor: Männliche Fach- und Führungskräfte besuchen einen in ­aller Regel nicht billigen Kongress zu digitalen Strategien und Entwicklungen und werden in einer separaten Boys’ Lounge mit Rasiertipps bespaßt, bevor ihnen vom Sponsor ein Nasenhaarschneider als Goodie überreicht wird.

Die manchmal unbeholfenen Versuche, Angebote auf die Bedürfnisse von Frauen zuzuschneiden, zeigen vor allem eines: wie wenig selbstverständlich, routiniert und gleichberechtigt der Blick auf die Kolleginnen auch in der vermeintlich modernen Internet-Wirtschaft ist. Sie belegen also paradoxerweise, dass ein Bedarf an gezielter Förderung von Frauen besteht.

„Girls Lounge“ auf der dmexco


 Dmexco Girls Lounge

(Quelle: dmexco)

Die dmexco – mit in diesem Jahr gut 43.000 Besuchern eines der weltweit wichtigsten Branchenevents – hat es im September mit der erwähnten Girls’ Lounge versucht. „Die Girls’ Lounge ist ein vor ­allem in den USA fest etabliertes Projekt, das sich bei globalen Events wie in Cannes, in Austin oder auf der Consumer Elec­tronics Show sehr großer Beliebtheit ­erfreut – selbstverständlich nicht nur in der Digital-Wirtschaft“, erklärt dmexco-Programmmacher Christian Muche. Konzept, Style und Programm-gestaltung der Damenecke haben die dmexco-Veranstalter dem Team von The-Girls’-Lounge-Gründerin Shelley Zalis überlassen.

„Allerdings wissen wir, dass neben den dauerhaften Angeboten aus dem Beauty- und Fashion-Bereich gerade inhaltlich höchst interessante Vorträge, Diskussionen und gedanklicher Austausch aus dem digitalen, gesellschaftlichen und politischen Bereich organisiert werden“, erklärt Muche und fährt fort: „Dies war ein weiterer Grund für uns, dieses Projekt auf der Dmexco zu fördern und hatte nicht die Absicht, populistisch die Frauenwelt anzusprechen.“ Die Ansprache der Frauen in der Zielgruppe gelinge der dmexco auch ohne die Girls’ Lounge, so Muche: „Das zeigt sich insbesondere durch die deutlich gestiegene Anzahl der weiblichen Speaker in unserer Konferenz.“

Keine Boys’ Lounge geplant

Für die Akzeptanz spreche, dass die Girls’ Lounge sehr gut besucht gewesen sei. Auch wenn das etwas rechtfertigend klingt, steht man in Köln hinter dem Konzept und ist „durchaus offen für eine Fortsetzung dieser Kooperation“. Eine spezielle Boys’ Lounge sei hingegen auch in Zukunft „nicht geplant“.
Manch gestandene Digital-Frau hat das Konzept weniger überzeugt.

Sanja Stankovic, Mitbegründerin des Frauennetzwerks Digital Media Women, äußert sich kritisch: „Die Girls’ Lounge auf der dmexco hat bereits vorab in der kommunikativen Darstellung wenig vielversprechend gewirkt. Die Konnotation von ,Girl‘ ist im beruflichen Kontext sowieso unpassend. Vor Ort gab es dann ja tatsächlich Schminktipps, Haarstyling, Porträtfotografie und Cocktails. Das ist nicht nur nicht sinnvoll, sondern total indiskutabel und kontraproduktiv. Ich weiß bei so was immer nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Damit hat die dmexco sich keinen Gefallen getan und ich hoffe, dass man daraus gelernt hat.“

Geschlossene Gesellschaft auf Veranstaltungsbühnen

Generell sieht Stankovic die Bemühungen um gesonderte Frauenangebote differenziert: „Man muss sich jeden Fall speziell anschauen. Grundsätzlich kann man ­sagen, dass Frauen keine Randgruppe darstellen – auch wenn so manche Referentenübersicht auf Fachkonferenzen diesen Eindruck gerne erweckt. Und grundsätzlich finde ich es schwierig, wenn auf einer Fachveranstaltung Frauen nur zu ,Frauen­themen‘ auf der Bühne stehen.“

Dass sie überhaupt auf der Bühne stehen, hat schon Seltenheitswert. So fand unter dem vielversprechenden Namen „Aufbruch Hamburg Digitale Chancen verstehen und nutzen!“ am 10. Oktober 2015 in der Hansestadt ein „generationenübergreifender, interdisziplinärer Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“ statt. Auf dem Podium: zwölf Männer, eine Frau.

Argumentiert wird in solchen Fällen gerne mit der geringen Zahl geeigneter Expertinnen. „Dabei sind Frauen aus der digitalen Branche selbstverständlich überall präsent. Darüber sollte sich jeder Veranstalter klar sein.“ Stankovic ist überzeugt, dass Veranstalter, die ihren Job ordentlich machen, zwangsläufig auf Frauen als Referentinnen stoßen. „Suche ich zu bestimmten Themen Experten, stehen auf der Agenda automatisch Frauen, ansonsten habe ich nicht richtig recherchiert“, so Stankovic.

„Wie viele Frauen man findet, hängt natürlich vom Thema ab und kann variieren.“ Gerade im Kommunikations- und Medienbereich gebe es viele Expertinnen. Die Floskel „Es gibt ja keine Frauen“ könne sie nicht mehr hören, betont denn auch Stankovic. „Das ist schlichtweg nicht korrekt. Veranstalter, die es sich einfach machen und nur aus ihrem Netzwerk ­besetzen, sollten ihre Netzwerke erweitern oder sich an entsprechende Netz­werke wenden und sich dort Tipps holen und uns Feigenblätter ersparen.“ Denn das seien häufig Formate, die sich vermeintlich mit Frauenförderung auseinandersetzen, und so für sich rechtfertigen, dass Männer auf den großen Bühnen unten sich bleiben dürfen.

Integrationsprogramm für Männer gefragt

Eine Veranstaltung, die sich seit Jahren mit der Suche nach weiblichen Referenten schwertut, sind die Medientage München. Auch in diesem Jahr lag der Frauenanteil bei den Panels lediglich bei 22 Prozent. Ganz anders beim Thementag „Women Media Connect“, mit dem der Veranstalter auf das Problem zu reagieren versucht. Dort präsentierten acht Frauennetzwerke Vorträge, Interviews, Talkrunden, Coaching, Filme und Kabarett.

„Wir hatten einzelne Panels mit ähnlicher Thematik bereits in vergangenen Jahren im Programm. Diese waren relativ gut besucht, wobei der Anteil männlicher Zuhörer eher gering blieb“, berichtet Anja Kistler, Kongressmanagement & Communications Director bei den Medientagen. „Im Jahr 2014 haben wir für die Netzwerkverbände von Pro Quote & Co. zum ersten Mal ein Frauenfrühstück organisiert, um deutlicher auf die Problematik aufmerksam zu machen.“

Dies war auch das Ziel des Thementags: sehr pointiert auf das Ungleichgewicht hinzuweisen, das in den Vorstands­etagen und Geschäftsführungsebenen der Medienunternehmen herrscht und sich daher auf Veranstaltungen widerspiegelt, erklärt Kongressmanagerin Kistler. Langfristiges Ziel müsse es sein, ein Gleichgewicht herzustellen, damit keine separaten Veranstaltungsteile nötig sind, sondern ausgewogen besetzte Veranstaltungen und Programme eine Selbstverständlichkeit werden können.

Ein zentraler Baustein auf dem Weg dorthin ist die Integration von Männern in den Diskurs. „Wichtig ist, dass auch männliche Entscheider bei Frauenveranstaltungen sitzen, da gesellschaftlicher Wandel ­gemeinsam vorangetrieben werden muss. Auch wenn der Handlungsbedarf offensichtlich ist, wird nicht viel passieren, wenn Frauen alleine darüber sprechen“, so Digital-Frau Stankovic.


Women Create-Tech in Stockholm

(Quelle: klarna)

Ein eigens gekennzeichneter Bereich berge die Gefahr, dass sich kaum Männer dorthin verirren, meint die Expertin: „Das ist schade, da die Thematik auch sie angeht. Bei den Digital Media ­Women haben wir sehr positive Erfahrungen damit gemacht, Männer in den Dialog einzubinden und gezielt einzuladen.“
Charlotta Åsell, Product Communication Manager bei Klarna und Organisatorin von Women Create Tech, berichtet, dass bei Klarna im Vorfeld darüber diskutiert wurde, ob es richtig sei, zu dem Event ausschließlich Frauen einzuladen.

„Women only“-Event bei der Internetworld 2015

Schließlich hat sich das schwedische Unternehmen doch für ein „Women only“-Event entschieden. Bei der Münchner Veranstaltung der Reihe im Rahmen der Internet World 2015 erzählten die Panel-Teilnehmerinnen sehr unterhaltsam und witzig, welche Herausforderungen sie gemeistert hatten, um beruflich so erfolgreich zu werden. Wie stark das Interesse daran ist, zeigten die ­vielen Fragen aus dem Publikum.

Einer der Gründe für das zunehmende Engagement von Veranstaltern ist die lauter werdende Kritik aus der Branche an männlich dominierten Events. Dafür haben nicht zuletzt einige enga­gierte Frauennetzwerke gesorgt, die nicht müde werden, auf die oft ausschließlich männlich besetzten Podien hinzuweisen. Die Digital Media Women haben sich bei ihrer Gründung vor fünf Jahren auf die Fahnen geschrieben, Frauen in der Digital-Branche sichtbarer machen. „Um etwas zu verändern, muss man eine gewisse Relevanz und Größe haben. Das Interesse von Politik und Unternehmen ist sehr groß und wir haben die Möglichkeit, den Wandel mitzugestalten“, berichtet Mitgründerin Stankovic.

„Ich bin sicher, dass sich ­ohne die verschiedenen vernetzten Initiativen nicht viel getan hätte – auch wenn es natürlich immer noch Luft nach oben gibt.“ Auch auf der persönlichen Ebene des Austauschs und des Mentorings sieht Stankovic zahlreiche Vorteile im Mit­einander der Frauen: „Nach meiner Erfahrung ist die Solidarität unter Frauen sehr groß und das potenziert sich über die zahlreichen Netzwerke. In den nächsten Jahren wird sehr viel passieren. Veranstalter und Unternehmen wären gut beraten, das rechtzeitig zu erkennen und für sich zu nutzen, bevor der Zug abfährt.“

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Ver.di zeigt das „Amazon-Imperium“

10.12.2015, 12:20

E-Commerce-Riese

Das angespannte Verhältnis zwischen Amazon und Ver.di macht regelmäßig Schlagzeilen. Jetzt hat die Gewerkschaft ein Video über den Online-Riesen gedreht, das dessen Übermacht demonstrieren soll.

Ver.di zeigt Amazon-Chef Bezos als Piraten-Kapitän

(Quelle: Screenshot/Youtube.com)

„Gnadenlose Geschäftspolitik“, „Klima der Angst“, „Besessen vom stetig wachsenden Reichtum“: Das Video mit dem Titel „Das Amazon-Imperium“ spart nicht an dramatischer Sprache und entsprechend dramatisch ist auch die Hintergrundmusik. Der Film zeigt die Entwicklung des E-Commerce-Riesen Amazon von der Gründung im Jahr 1994 bis heute.

Urheber des Videos ist die Gewerkschaft Ver.di, die in Deutschland seit Jahren im Clinch mit Amazon liegt. Dass man hier keinen objektiven Bericht über den Online-Händler erwarten darf, ist insoweit klar. Dennoch werden viele interessante Fakten zu dem Unternehmen und seinem Gründer Jeff Bezos zusammengetragen.

Zum Beispiel zur atemberaubenden Umsatzentwicklung, welche Konkurrenten das Unternehmen seit seiner Gründung geschluckt hat oder dass Bezos seine Firma ursprünglich „Relentless“, auf Deutsch „Gnadenlos“, nennen wollte. Wer relentless.com in seinen Browser eingibt, landet tatsächlich bei Amazon. Und so sieht man den Firmenchef als „Captain Gnadenlos“ auf einem Piratenschiff durch den Amazonas segeln.

Die Gewerkschaft stört sich vor allem daran, dass Amazon keine Tarifverträge gemäß der Konditionen des Einzel- und Versandhandels in seinen deutschen Standorten zulässt. Seit Mai 2013 ruft Verdi deshalb regelmäßig zu Streiks auf, gerne auch zum Start des umsatzträchtigen Weihnachtsgeschäfts und will sich damit „gegen die ungerechten Arbeitsbedingungen“ zur Wehr setzen.

Amazon weigert sich bislang allerdings hartnäckig, die Forderungen umzusetzen und will sich bei der Bezahlung weiterhin an den in der Logistik-Branche üblichen Konditionen orientieren. Als Erfolg verbucht die Gewerkschaft immerhin, dass sie Betriebsräte an allen deutschen Amazon-Standorten durchgesetzt hat.

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Amazon schraubt am Ranking-Algorithmus

07.12.2015, 12:38

Für Marktplatz-Händler

Kurz vor Weihnachten ist noch viel los bei Amazon: Der Online-Händler verändert seinen Ranking-Algorithmus und Deutschland-Chef Ralf Kleber kann sich vorstellen, Ladengeschäfte in Deutschland zu eröffnen.

Amazon schraubt am Ranking-Algorithmus

(Quelle: shutterstock.com/Twin Design)

Neue Spielregeln fürs Amazon-SEO: Der Online-Händler hat an seinem Algorithmus geschraubt. Ähnlich wie bei Google ist dieser entscheidend für das Ranking in der Suche. Neu ist laut marketplace-analytics.de, dass der Raum für Keywords deutlich vergrößert wurde. Die allgemeinen Schlüsselwörter für manche Produkte werden von 250 auf 5.000 Zeichen erweitert. Statt wie bisher fünf Felder mit 50 Zeichen (insgesamt 250 Zeichen) stehen nun fünf Felder mit 1.000 Zeichen (insgesamt 5.000 Zeichen) zur Verfügung.

Bedeutung der Schlüsselwörter für das Ranking

Daneben wurde die Gewichtung der allgemeinen Schlüsselwörter für den Ranking-Algorithmus erhöht. Heißt: Suchbegriffe rutschen in der Relevanz nach oben. Sie haben jetzt mehr Gewicht als die Produktattribute (Stichpunkte).

Unverändert ist dagegen laut marketplace-analytics.de, dass der Produkttitel immer noch das wichtigste Keyword-Feld ist. Die Produktbeschreibung nimmt weiterhin eine Sonderrolle als sekundäres Keyword-Feld ein. Für Händler bedeutet das dem Portal zufolge, dass wichtige Keywords zunächst in die Suchbegriffsfelder und nicht mehr in die Attribute eingetragen werden sollten. Dabei gelten aber bislang noch die Regeln zum optimalen Ausfüllen der Suchbegriffsfelder.

Die Länge der Produkttitel wird wahrscheinlich auch in Deutschland auf 200 Zeichen begrenzt werden, in den USA ist das schon passiert. marketplace-analytics.de rät Händlern, sich darauf einzustellen, ihr Sortiment zu überarbeiten, wenn sie viele Produkte mit längeren Produkttiteln haben.

Offline shoppen bei Amazon

Daneben gibt es auch Neues in Sachen stationäre Filiale: Der Deutschland-Chef des Internet-Giganten, Ralf Kleber, kann sich vorstellen, auch in Deutschland stationäre Buchläden zu eröffnen. „Läden einzurichten war immer eine Option. Berlin wäre ein Top-Kandidat für einen Amazon-Laden“, so Kleber im Interview mit dem Tagesspiegel.

„In keiner anderen deutschen Stadt haben wir in so vielen Bereichen investiert, sind wir so breit vertreten und haben wir so viel vor.“ Amazon verkaufe auch online noch sehr viele gedruckte Bücher, „Menschen werden immer auch offline einkaufen. Der Kunde soll die Wahl haben.“, so Kleber.

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